| 24.05.2006
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Lucas (hinten am Tisch stehend mit Kaffeebecher) ist einer von denjenigen, die derzeit die Malwerkstatt dem Straßenleben vorziehen
Foto: Christian Ditsch / Version
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OBDACHLOSE KINDER
Von der Straße in die Werkstatt
Unter dem Motto „Malen statt Schnorren“ unterstützt der Berliner Verein Karuna Straßenkinder auf dem Weg in ein geregeltes Leben.
von Lotte Lehmbruck
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einer von vielen
Otto Schönbach, 30, Theatermeister am Prinzregententheater in München Seit dem 20. Februar steht vor der Staatskanzlei in München, dem Amtssitz des bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, eine Mahnwache. Die Idee hatte Otto Schönbach. Sie ist längst, wie er es nennt, „ein Dorn im Auge des Ministerpräsidenten“. Wann immer er seine Amtsgeschäfte aufnehmen will, muss er an der Mahnwache vorbei. „Und das wurmt ihn“, stellt Otto Schönbach fest. Begeistert ist er von der Solidarität: Bürger bringen selbst gestrickte Socken, die Küstenwache im Hamburg schickt solidarische Grüße und die Aufforderung, den Streik zum Erfolg zu bringen.
Foto: Heller
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Drei Hunde wuseln durch das Café, ein Kind tapst von Tisch zu Tisch und sagt "Hallo" zu den Kaffeetrinkenden. Auf den Tischen stehen keine Aschenbecher - hier ist Rauchen verboten. Die Wände sind gelb gestrichen. An ihnen hängen zwei helle Holzregale. Darin stehen buntbemalte Teller und Fliesen. Die Regale hängen im Café DrugStop, einer Einrichtung für suchtgefährdete Jugendliche und Straßenkinder in Berlin. Die Teller haben Jugendliche von der Straße bemalt - in der Werkstatt Vielfarben. Wer dort malt, kriegt 1,50 Euro pro Stunde und ein warmes Mittagessen.
Malen dürfen alle
Seit März 2005 gibt es die Werkstatt. Ihr Motto ist "Malen statt Schnorren" und ihr Ziel: "Die Jugendlichen aus dem Straßenalltag rauszuholen und sie im besten Fall weiter zu vermitteln", erklärt Sozialpädagoge André Vick. Das Café und die Werkstatt gehören zum Verein Karuna. Dessen Mitarbeiter kümmern sich in verschiedenen Projekten um die etwa 2500 Straßenkinder in Berlin. Die Idee von Vielfarben haben die Sozialpädagogen gemeinsam mit der Kinderhilfsorganisation terre des hommes (TdH) entwickelt. Sie finanziert die Werkstatt auch zu einem großen Teil. Abgeguckt haben sie es sich aus Lateinamerika. Dort gibt es einige Projekte für Straßenkinder, in denen sie einen kleinen Lohn verdienen. "In Deutschland ist dieses Projekt bisher einmalig", sagt Vick. Die 1,50 Euro bekommen nur Jugendliche, die weder Geld von der Jugendhilfe noch über Hartz IV bekommen und unter 27 Jahre sind - malen dürfen alle.
Die Werkstatt ist in einem Hinterraum des Cafés. In ihrer Mitte steht ein großer quadratischer Tisch, mit Platz für acht Jugendliche. Die Stühle drum herum sind grün, blau und rot gestrichen. Die Werkstatt hat drei Fenster, die viel Licht zum Malen herein lassen. Der Tisch und die Regale an den Wänden sind aus hellem Holz. In ihnen liegen mehr oder weniger bemaltes Geschirr und Fliesen - einige Teile trocknen, an manchen klebt ein Zettelchen "fertig gebrannt", bei anderen hat der Künstler sein Werk vorzeitig abgebrochen.
"Manche Jugendliche haben keine Lust noch mal zu kommen, um ihren Teller fertig zu machen", sagt Mark Lehmann. Er leitet die Werkstatt. Lehmann ist Erziehungswissenschaftler und freischaffender Maler. In einem Regal liegen Hundefutter und Trinknäpfe. Lehmann sagt: "Wir sind auf Hunde eingestellt. Wenn die Jugendlichen sie nicht mitbringen dürften, kämen sie nicht." 62 Jugendliche malten im vergangenen Jahr in der Werkstatt. Die meisten kamen regelmäßig, drei von ihnen begannen eine Ausbildung.
Chris ist 22 Jahre alt. Er war wegen Sachbeschädigung zu Strafstunden verurteilt. Die leistet er im Büro des Cafés und in der Werkstatt ab. Er wollte unbedingt dorthin, weil er wusste, dass dort seine Hündin Slöpy willkommen ist. Das Café kannte er, da Karuna drei Mal in der Woche mit einem Kleinbus auf den Alexanderplatz fährt und Essen an die Jugendlichen verteilt. Um die Werkstatt bekannt zu machen, haben Vick und seine Kollegen dabei Flyer verteilt. Chris' bester Freund Sebastian kam ihn zwar oft in der Werkstatt besuchen. Bemalt hat er allerdings nur einen Teller. Das Malen sei nett, sagt Sebastian, "aber eigentlich kommt man eher wegen der Leute und des Essens". Auch das Geld spiele für die Wenigsten eine Rolle, sagen Sebastian und Chris. Beim Schnorren kriegten sie mehr zusammen - etwa 15 Euro in der Stunde.
Fixpunkt im Alltag
Chris und Sebastian gehören zu den drei Jugendlichen, die eine Ausbildung angefangen haben. Sebastian lernt Kfz-Mechaniker. Chris musste seine Ausbildung zum Fahrzeug-Lackierer abbrechen, weil er zu oft krank war. Jetzt hat er einen Ein-Euro-Job und stellt fest: "Immerhin war ich seit einem Jahr nicht mehr ohne Arbeit." Die beiden sitzen im Café. Slöpy hat ihren Kopf auf Chris‘ Schoß gelegt. Er krault ihr den Nacken. Dabei erzählt er. Die Werkstatt und Leute wie Vick und Lehmann gaben ihnen wieder einen festen Punkt im Leben, sagen Sebastian und Chris. "Die sind mit uns zu den Ämtern gegangen, haben eine Wohnung und eine Ausbildung mit uns gesucht", sagt Sebastian. Vorher lebten sie auf der Straße und in einem besetzten Haus. Chris beschreibt den Straßenalltag so: "Morgens machst du dir erstmal eine Flasche Bier auf und dann gehst du schnorren - musst ja von was leben."
Albert Recknagel von terre des hommes ist klar, dass die Malerei und das Geld "nicht den Kick für das spätere Berufsleben bringen". In Lateinamerika spiele das Geld eine Rolle - hier eher nicht, vermutet er. Recknagel beschreibt Vielfarben als Mittel zum Zweck. "Die Werkstatt bietet einen Anreiz, vorbeizukommen, und der Zweck besteht dann darin, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und so helfen zu können", sagt er. Vick weiß: "Das Leben auf der Straße ist langweilig und von Drogen geprägt." Die Jugendlichen hätten keinerlei Perspektiven. Die Werkstatt biete einen Fixpunkt in ihrem Straßenalltag. Sie hat vier Tage die Woche von 13 bis 16 Uhr geöffnet.
Geschirr zu bemalen hielten sie für eine gute Idee, "weil es nicht zu schwer ist, aber auch niemanden unterfordert", sagt Vick. Sein Kollege Lehmann erklärt: "Bei denen, die Drogen nehmen, ist die Motorik ganz schwerfällig. Und sie können kaum einen geraden Strich ziehen", sagt er. Besonders anstrengend ist es für die Jugendlichen "sich über einen längeren Zeitraum auf die Arbeit zu konzentrieren", so Lehmann. Die Teller kann man für eine Spende von drei Euro im Café erwerben.
Die Jugendlichen kennen lernen, ihre Geschichte hören und sehen, wie sie sich wieder auffangen - "das ist mein Erfolgserlebnis, deshalb mag ich meinen Beruf", sagt Vick. Lehmann und er sind sehr zufrieden nach dem ersten Jahr - terre des hommes auch. Die Organisation unterstützt das Projekt auch in Zukunft. Es wird auf Jugendliche ausgeweitet, die Karuna schon an die Agentur für Arbeit vermittelt hat. Damit sie Arbeitslosengeld II bekommen, müssen sie erwerbsfähig sein. "Viele von unseren Klienten sind aber, wegen Drogen etwa, nicht in der Lage eine Beschäftigung in einem normalen Betrieb anzunehmen", erklärt Vick. Und das bedeutet: "Sie bekommen Sozialgeld. Damit stehen sie fast auf dem Abstellgleis."
In der Werkstatt sollen zusammen mit dem JobCenter Kreuzberg/Fried-richshain 15 Ein-Euro-50-Jobs entstehen. "Dann haben wir feste Plätze und können mit den Jugendlichen kontinuierlich arbeiten", erklärt Vick. Viereinhalb Monate dauert die Maßnahme, gearbeitet wird vier Tage die Woche, der fünfte Tag ist ein Bildungstag. Die Jugendlichen können einen Computerkurs besuchen oder den Erste-Hilfe-Schein machen. Und jeder hat einen Einzelbetreuer. "Wir können individuell reagieren", sagt Lehmann: "Das geht in einer beliebigen Maßnahme nicht,
da hat niemand Zeit und ist auch nicht geschult." Damit die Jugendlichen genug Abwechslung haben, können sie in der Werkstatt bald auch noch Umhängetaschen nähen und Schmuck aus Emaille und Pralinen herstellen.
Wer will, der findet Hilfe
Chris und Sebastian haben immer noch viele Freunde, die auf der Straße leben. "Viele von denen finden das auch nicht gut. Ihnen fehlen aber die Kraft und die Unterstützung, um da raus zu kommen", sagt Chris. Die beiden raten ihren Freunden immer: "Geht zu Karuna, die helfen euch, wenn ihr selber wollt."
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