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06.06.2006

John Rajca leitet das Kreationisten-Museum San Diego

Foto BOSSE / LAIF



Schulunterricht

Gott macht mobil

Bibeltreue Christen wollen im Schulunterricht neben der Evolutionstheorie auch Gottes Schöpfung gelehrt wissen. Im Interview spricht der Kasseler Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera kritisch über den so genannten Kreationismus und über Intelligent Design in den USA und in Europa.

von Maik Söhler

einer von vielen

Heinz Schnotz, 58, Labormeister an der Hochschule Ulm
Fragt man seine Kolleginnen und Kollegen nach den hervorragenden Eigenschaften, die Heinz auszeichnen, kommen die Antworten schnell und präzise: Große Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, seine Art zu motivieren und Mut zu machen und nicht zuletzt seine Zuverlässigkeit. So hat er immer höchst professionell für das leibliche Wohl der Streikenden gesorgt. Bei den Aktionen, die teilweise bei extremer Witterung stattfanden, zehn Grad minus waren keine Seltenheit, war das von herausragender Bedeutung.
Foto: Hofstätter

Sie bezeichnen sich als Anhänger von Gottes Schöpfung, als Kreationisten oder Verfechter des Intelligent Design (ID). Unter Kreationismus versteht man die klassische Schöpfungslehre: Wie es in der Bibel steht, habe Gott die Welt und das Leben vor 6000 Jahren erschaffen. ID bezeichnet eine moderne Variante dieser Ansicht, in der die Evolution zwar vorkommt, aber von einem "intelligenten Designer" gesteuert wird.

In den USA haben es Kreationisten erreicht, dass mehrere Bundesstaaten ihre Weltsicht im Biologieunterricht der Schulen zulassen - gleichberechtigt mit der Evolutionstheorie. In der Hälfte aller US-Bundesstaaten wird momentan vor Gericht darüber gestritten, ob Gott dort ebenfalls in die Schulbiologie einzieht.

Auch in Europa sind in jüngster Zeit christliche Stimmen zu vernehmen, die der Evolutionstheorie vehement widersprechen.

ver.di Publik | Die US-Gerichte scheinen derzeit kritisch gegenüber Kreationismus und Intelligent Design zu sein. Im Januar sprach sich in Kalifornien ein Richter gegen ID im Biologieunterricht aus, einen Monat zuvor wurde in Pennsylvania ein ähnliches Urteil gefällt. Ist das Zufall oder ein Trend?

Kutschera | Wichtig ist das Urteil aus Pennsylvania. Dort entschied ein konservativer Richter, der George W. Bush nahe steht. Der US-Präsident ist ja kein Feind des Intelligent Design. Und nun sagt ausgerechnet dieser Richter, dass ID eine unzulässige Verquickung von Religion und Biologie darstellt und in Pennsylvania nicht gelehrt werden darf. Weil in den USA die Schulen von den Gemeinden finanziert werden, können die Kreationisten aber über lokale Gremien Einfluss auf den Unterricht von Schulen nehmen - und zwar in Bundesstaaten, in denen ein Urteil noch aussteht. Trotzdem: Die Kreationisten werden verlieren und die Vernunft siegt.

ver.di Publik | Wie kam es dazu, dass Kreationisten in den USA so stark werden konnten?

Kutschera | Wir können drei Phasen unterscheiden. Zuerst die des klassischen Kreationismus bis etwa 1970. Man versuchte damals, die Schöpfungsgeschichte als Alternative zur Evolutionstheorie in der Schule zu verankern. Weil Staat und Religion in den USA getrennt sind, gibt es an staatlichen Schulen keinen Religionsunterricht. Deshalb versuchten die Fundamentalisten, ihre Thesen im Fach Biologie unterzubringen. Man klagte und verlor in allen Instanzen. Die zweite Phase bündelt sich im Begriff des "scientific creationism". Man versuchte, biblische Dogmen wegzulassen und so zum Erfolg zu kommen.

ver.di Publik | Wie muss man sich das eigentlich vorstellen - Schöpfung im Biounterricht?

Kutschera | Anfangs als klassischen Bibelunterricht. Aber damit und mit der folgenden Variante kamen die Kreationisten ja nicht durch. Nun zur dritten Phase. Seit 1990 haben sie sich etwas Neues ausgedacht: den Intelligent-Design-Ansatz. Das Ganze startet mit dem Buch Darwin on Trial, in dem es plötzlich hieß, Gott habe Grundtypen erschaffen. Mittlerweile verzichten die Vertreter dieses Ansatzes in der Öffentlichkeit auf das Wort Gott und sprechen lieber vom Designer. Nun ist in den Schulen, die es betrifft, zu hören, man könne in der Natur Anzeichen für Planung und Intelligenz finden.

ver.di Publik | Wie ist die Situation in Europa?

Kutschera | In Italien schlug im letzten Jahr die Bildungsministerin vor, ID in den Schulen zuzulassen. Nach Protesten von Wissenschaftlern wurde nichts daraus. Zu nennen ist auch der Wiener Kardinal Schönborn, der dem ID einiges abgewinnen kann. In Deutschland wollte Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) im Herbst einen deutschen Kreationisten zu einer Veranstaltung einladen, was durch Protes-te verhindert werden konnte. Es gibt hier nicht viele christliche Evolutionsgegner, aber die wenigen sind gut organisiert.

ver.di Publik | Muss man diese kleine Gruppe denn ernst nehmen?

Kutschera | Ich habe eine Sammlung von Briefen besorgter Lehrer, die erzählen, wie verunsichert viele Schüler sind. Sie sollen ein Referat halten, surfen im Internet und stoßen dabei auf einschlägige Bücher, Buchempfehlungen oder auf "Argumente gegen die Evolution" auf kreationistischen Webseiten. Ich habe nichts gegen den Glauben dieser Menschen, aber in der Biologie hat das nichts zu suchen.

ver.di Publik | Wie fällt Ihr Fazit aus?

Kutschera | In den USA ist die Evolutionsforschung viel weiter als in Deutschland und die Kollegen werden alle Ansätze des Kreationismus zurückweisen. Doch auch hier sollte man über die Aussagen der ID-ler sprechen und sie mit naturwissenschaftlichen Argumenten konfrontieren. Subjektive Glaubensinhalte, ob nun an Götter, Geister oder Designer, können kein Bestandteil der Wissenschaft sein. Das gilt auch für die Schule. Wer Kreationisten Raum im Biologieunterricht gibt, muss auch einem erdstrahlengläubigen Physiklehrer erlauben, in der Schule mit der Wünschelrute herumzulaufen. Das kann doch niemand befürworten.

Prof. Dr. Ulrich Kutschera

ist Inhaber des Lehrstuhls für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie an der Universität Kassel, Vorsitzender der AG Evolutionsbiologie im Verband Deutscher Biologen und hat u.a. die Bücher Streitpunkt Evolution und Evolutionsbiologie verfasst.

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