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24.05.2006

Ein Arbeitsplatz mit viel Tageslicht: Tanja Wiedecke hat hier vor 15 Jahren ihre Ausbildung als Polsterin angefangen. Irgendwo anders will sie niemals mehr arbeiten

Foto: Peter Bennett



Preis der Arbeit

Tolles Klima

Der niedersächsische Büromöbel-Hersteller Wilkhahn ist ein vorbildlicher Betrieb in Sachen ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit.

von Annette Jensen

eine von vielen

Grazia Rigido, 53, Sterilisationsassistentin am Uniklinikum Würzburg
Das Streiken liegt uns Italienern im Blut“, sagt Grazia Rigido lächelnd. Und sie räumt auch gleich mit einem Klischee auf: „Wir Italiener streiken nicht, weil wir faul sind. Wir wissen einfach aus langer Erfahrung, dass man ohne Streik nichts erreicht.“ Dies gelte auch für den jetzigen Streik. Sie wünscht sich, dass sich noch viel mehr Beschäftigte den Streiks anschließen würden: „Vielen würde man gerne mehr Mut wünschen. Und was haben wir eigentlich zu verlieren?“
Foto: ver.di

"Früher roch es hier immer so, als ob jemand einen Joint geraucht hätte", erinnert sich Günter Danziger. Der gelernte Holzmechaniker steht in einer Fabrikhalle des Büromöbelherstellers Wilkhahn und studiert die Oberfläche einer Tischplatte. Vor mehr als 20 Jahren ist das Stück hier gefertigt worden; der Kunde hat eine Delle hineingeschlagen und benötigt nun einen Ersatz, der genau zu seinen anderen Möbeln passt. "Damals bestand der Lack zu 60 Prozent aus Lösungsmitteln und man hat viele ungesunde Dämpfe eingeatmet", erklärt der 44-Jährige. Doch das gehört längst der Vergangenheit an. Sobald es Lack auf Wasserbasis gab, hat das Traditionsunternehmen im niedersächsischen Bad Münder auf dieses umwelt- und mitarbeiterfreundliche Herstellungsverfahren umgestellt.

Danziger legt sich einige kleine Holzplatten zurecht und besprüht sie mit unterschiedlichen Mischungen. Er muss versuchen, ein optisch genau gleiches Stück hinzubekommen: Schließlich verspricht Wilkhahn seinen Kunden nicht nur langlebige, sondern auch reparaturfreundliche Produkte.

Ein paar Türen weiter arbeiten etwa 20 Frauen in einem Pavillon mit Holzdecke. Von oben und der Seite fällt Tageslicht in die Werkhalle, im Winter sorgt eine Fußbodenheizung für angenehme Temperaturen. Auf einem rückenfreundlichen Wilkhahn-Stuhl sitzt Tanja Wiedecke und schiebt zwei schwarze Webestoffteile unter ihre Nähmaschine. Vor 15 Jahren hat sie hier eine Ausbildung als Polsterin angefangen - und wie die meisten ihrer Kollegen will sie niemals irgendwo anders arbeiten. "Wir haben sehr viele Freiheiten", begründet sie ihre Haltung. In der Regel fängt die 34-jährige morgens um sechs Uhr an. Doch wenn sie abends lange gefeiert hat, kommt sie auch mal später. Eine Viertagewoche könnte sie sich ebenfalls einrichten: Ganz nach Gusto sind die Arbeitsplätze in der Produktion zwischen sechs Uhr morgens und 22 Uhr abends zugänglich. Auch die sechswöchigen Winterferien kann Wiedecke sicher einplanen. Und braucht sie mal unbezahlten Urlaub, versucht ihre Gruppenleiterin auch das einzurichten. Natürlich müssen die Aufträge rechtzeitig fertig werden: Dafür gibt es Gleitzeitkonten, auf denen sich bis zu 150 Plus- und bis zu 50 Minusstunden ansammeln dürfen.

Wilkhahn hat schon mehrere Auszeich-nungen gewonnen, weil der Betrieb als ökologisch und sozial vorbildlich gilt. Als eines der ersten Unternehmen überhaupt hat der Möbelhersteller im Jahr 2000 einen Nachhaltigkeitsbericht erstellt. Und auch in puncto Gesundheitsschutz ist die Firma beispielgebend: Der Verzicht auf Schwermetalle in der Produktion gehört ebenso dazu wie eine Rückenschule, Seminare zur Raucherentwöhnung, die Betriebssauna und eine verbilligte Mitgliedschaft im Fitnessclub. "Allzu intensiv genutzt werden solche Angebote allerdings nicht", bedauert der Betriebsratsvorsitzende Ralf-Olaf Stender, der von seinem Schreibtisch durch eine Glaswand in die sattgrüne Landschaft schauen kann. Auch die Einrichtung eines Betriebskindergartens scheiterte nicht am guten Willen der Unternehmensführung, sondern an mangelnder Nachfrage der Kollegen.

Viele arbeiten hier seit Jahrzehnten. Doch nicht alle konnte Wilkhahn an Bord halten. Vor vier Jahren brach der Absatz auf dem Büromöbelmarkt in Deutschland fast zur Hälfte weg und auch bei Wilkahn mussten mehrere Duzend Leute gehen. "Zum ersten mal seit hundert Jahren gab es Entlassungen", berichtet der 47-jährige Firmenchef. Sogar einem alten Klassenkameraden habe er kündigen müssen. "Das war ziemlich Scheiße", sagt Jochen Hahne - ein Mann, der nicht gern drumherum redet. Damals hat er seine Rolle als Chef lernen müssen - und auch, dass manche Mitarbeiter sich beim Betriebsfest erst nach ein paar Bieren trauen, ihn direkt anzusprechen. Hahne, der sein Jackett irgendwo im Haus verlegt hat und seinen Betriebsrat fragt, ob er ihm einen Kaffee mitkochen soll, hätte das gerne anders. Doch zugleich versteht er, dass mit der Verantwortung auch eine gewisse Distanz verbunden ist.

Zusammen fand man einen Weg aus dem Tal

Um einen weiteren Aderlass zu vermeiden, machte die Mitarbeitervertretung von sich aus einen Vorschlag: 30 Stunden ohne Lohnausgleich "Jeder kann bei uns im Computer nachgucken, wie unsere Auftragslage gerade ist", sagt Betriebsratschef Rolf-Olaf Stender. Die Führungskräfte waren ebenfalls bereit, auf 15 Prozent ihres Einkommens zu verzichten - und so sind die Wilkhahner schließlich durch das Tal gekommen.

Inzwischen gilt immerhin schon wieder die 33-Stundenwoche."Damit komme ich ungefähr auf 1350 Euro netto", erzählt Tanja Wiedecke. Neben dem Tariflohn erhält sie eine Gruppenprämie sowie einen Lohnzuschlag - der sich bei jedem nach der individuellen Leistung bemisst. Außerdem sind sowohl die gegenwärtigen als auch die früheren Beschäftigten zu 25 Prozent an dem Familienbetrieb beteiligt; der alte Chef hat es in den 70er Jahren so bestimmt. Zudem hat er schon kurz nach dem Krieg für eine gute betriebliche Altersabsicherung gesorgt.

Gute Ideen der Mitarbeiter werden ausgezeichnet

Doch nicht nur aus finanziellen Gründen identifizieren sich die Wilkhahn-Mitarbeiter in außergewöhnlichem Maß mit dem Unternehmen. Auch ihre Ideen und Verbesserungsvorschläge sind erwünscht. Ein dafür abgestellter Kollege fragt regelmäßig nach, wo man etwas ändern könnte. Und schlaue Ideen belohnt das Unternehmen mit einem internen Umweltpreis.

Eine davon hatte Andreas Koch. Den Schreiner ärgerte, dass die Abfallcontainer mit den sperrigen Holzresten immer sehr schnell voll waren. Und dass die Laster beim Abtransport viel Luft durch die Gegend transportierten, fand er auch sinnlos. Inzwischen schreddern er und seine Kollegen die Bretterreste, bevor sie sie zum Verwertungsbetrieb schicken. Das spart viele LKW-Ladungen - Kosten für den Betrieb und Abgase für die Umwelt.

Doch Wilkhahn geht es nicht nur darum, den Herstellungsprozess möglichst ökologisch und mitarbeiterfreundlich zu gestalten. "Theoretisch könnte ja ein unter diesen Aspekten vorbildlicher Betrieb auch Tretminen produzieren", bringt der Marketingleiter Burkhard Remmers die Sache auf den Punkt. Deshalb sollen auch die Tische und Stühle selbst zu einer nachhaltig gestalteten Welt beitragen.

Um zu demonstrieren, was er damit meint, führt Burkhard Remmers seine Besucher in den Ausstellungsraum. Mit Schwung schmeißt er sich auf einen lindgrünen Schreibtischstuhl - ein Modell, das es schon seit Anfang der 80er Jahre gibt und tatsächlich keineswegs unmodern wirkt. Remmers geht ins

Hohlkreuz, biegt die Lehne weit nach hinten durch und hebt einen imaginären Gegenstand vom Boden auf. Dann springt er auf, kniet sich auf die Seite der Sitzschale, die sich dem Druck anpasst und verformt. Angeblich hält das Stück solche Prozeduren viele Jahre ohne jeden Schaden aus - und wenn doch mal was kaputt geht oder der Bezug einen Fleck hat, kann der Kunde den Stuhl zur Aufarbeitung an die Fabrik zurückschicken. "Außerdem will sich niemand dauernd mit seinem Stuhl beschäftigen und daran herumschrauben müssen. Der Stuhl muss sich dem Menschen anpassen - nicht umgekehrt" ist wieder so ein Credo, das der agile Marketingmann in den Raum stellt. Höchste Funktionalität und Schlichtheit sind Grundsätze des Designs; um sie zu entwickeln, braucht es manchmal Jahre.

Das Produkt soll sich dem Menschen anpassen

Wilkhahn ist das letzte selbstständige Möbelunternehmen, das in der Deister-Gegend südwestlich von Hannover existiert. Einst gab es hier an die 100 Firmen, die Betten, Schränke, Tische und Sessel produzierten. Doch nach und nach mussten alle dicht machen - die Konkurrenz in Osteuropa und anderen Billiglohnländern war einfach zu stark. "Wir verbinden industrielle Fertigung und Handwerk. In dieser Kombination können wir am Standort Deutschland bestehen", beschreibt Remmers das Erfolgsrezept. An eine Verlagerung der Firma ins Ausland hat Wilkhahn bisher nie gedacht.

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