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25.11.2005

Wolfram P. Kastner - geboren 1947 in München, Studium an der Akademie der Bildenden Künste München, außerdem Germanistik, Psychologie, Pädagogik, Kunstgeschichte, Politik und Soziologie. 1973 bis 1979 Referent für Politische Bildung beim DGB. Hier hat er als Bei-sitzer am Arbeitsgericht seinen „Respekt vor der Justiz gründlich verloren“. Gründung des extra-Verlags. Seit 1979 freischaffender Künstler, 1988 Gründung der Kurt-Eisner-Kulturstiftung, 2004 Mitbegründer und Erster Vorsitzender des Vereins „Aktion Patenschaften für verbrannte Bücher e.V.“ Ausstellungen unter anderem: Kunstverein Erlangen, Europäisches Parlament Straßburg, Galerie Dürr Berlin, Kunstbunker Tumulka München, Karl-Valentin-Museum München.

Foto: EROL GURIAN



Wolfram P. Kastner

Der Schneidige

Jedes Jahr am ersten November ehren einstige Kameraden in Salzburg die Gefallenen der Waffen-SS. Und Künstler Wolfram P. Kastner stört sie dabei. Nun kommt das ver.di-Mitglied für seine Aktionen vor Gericht

von Angelika Dietrich

Für das, was Wolfram Kastner tut, gibt es viele Worte: Kunst, Selbstverständlichkeit. Provokation. Straftat. Je nach Blickwinkel. Ganz objektiv gesehen hat Wolfram Kastner eine Schere genommen und auf einem Friedhof eine Kranzschleife abgeschnitten. Mehrmals, und am ersten November 2005 erst wieder, obwohl es ihm gerichtlich untersagt ist.

1989 besuchte der Münchener Künstler Kastner, der damals ein Gastatelier in Salzburg hatte, zufällig den Kommunalfriedhof der Stadt und wurde Zeuge, eines, wie er sagt, „widerwärtigen“ Schauspiels: Etwa 500 Menschen, zum Teil mit Hakenkreuzorden dekoriert, legten angeführt von einem Bischof vor dem Kriegerdenkmal einen Kranz nieder. Mit Blasmusik und Böllern. Auf den schwarzen Kranzschleifen stand: „Unseren gefallenen Kameraden der Waffen-SS“. Für den 58-jährigen Künstler eine Verharmlosung und Verherrlichung der NS-Verbrechen. „Ich dachte, das gibt's doch nicht“, sagt Kastner, fragte nach und erfuhr, dass diese Zeremonie seit 1954 jedes Jahr am 1. November stattfindet.

Sechs Jahre darauf packte er seine orange Papierschere ein, fuhr nach Salzburg und „versah die SS-Kranzschleife mit einem Scherenschnitt“. Ein mitgereister Fotograf dokumentierte die Aktion, die abgeschnittene Kranzschleife stellte Kastner in einer Salzburger Galerie aus. Kastner wurde zum Tagesgespräch. Die Polizei suchte ihn, der Künstler bekam eine Briefbombendrohung, eine Anzeige wegen Störung der Totenruhe.

Im Laufe der Jahre wurde aus seinen Schnitt-Reisen die Aktion „SSeh-Störung“. Das erste S durchgestrichen. Mal schnitt er nur die Kranzschleifen ab und schickte sie an Österreichs Bundespräsidenten mit der Bitte „den braunen Spuk“ abzustellen. Mal startete er Gegenaktionen. Er und ein paar andere legten selbst einen Kranz nieder. Schleifenaufschrift: „Wir gedenken der Deserteure. Ermordet von der SS“. Verteilten weiße Rosen.

Kastner wurde angezeigt – unter anderem wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und das ungerechtfertigte Stören der öffentlichen Ordnung. Nach der Tat 2003 schaltete die österreichische Justiz die Staatsanwaltschaft München ein. Wegen Sachbeschädigung wurde der Künstler zu fünf Tagessätzen à 20 Euro verurteilt, auf Bewährung. Kastner legte Revision ein, unterstützt von ver.di. Demnächst wird es eine Verhandlung vor dem Oberlandesgericht Bayern geben. Wenn Kastner auch hier nicht freigesprochen wird, will er bis zum Bun-desverfassungsgericht ziehen.

Kastner erstattet Anzeige

Und: Nach dem jüngsten Schnitt vom November diesen Jahres erstatten Kastner und seine sieben mitgereisten Unterstützer – darunter die Brecht-Tochter Hanne Hiob und der Autor Sobo Swobodnik nun selbst Anzeige. Gegen „die Verantwortlichen der Kameradschaft IV der Waffen-SS wegen Verharmlosung und Verherrlichung der Waffen-SS und ihrer Verbrechen“.

Schwarzgekleidet und mit gelbem Schal sitzt der Künstler in seinem Atelier in einem Münchner Hinterhof. Prospekte und Flyer stapeln sich, ein geöffneter Koffer liegt auf dem Boden, Leinwände in den Regalen. Bilder, Fotos, Collagen hängen an den Wänden. In einem Einmachglas steckt eine Gabel. „Kunst“, sagt Kastner, „hat nicht nur einen dekorativen Zweck – um die Bankfoyers mit Arabesken zu verzieren. Sondern, wie Paul Klee schon sagte: etwas öffentlich sichtbar zu machen.“ Und wenn Kunst an öffentliche Orte geht, so Kastner, an Orte, an denen sie nicht erwartet wird, wird sie anders wahrgenommen.

Wenn er städtische Grünflächen mit Brandspuren versieht, um damit an die Bücherverbrennungen der Nazis zu erinnern, zum Beispiel. Wenn er 17 weiße und mit Namensschildern versehene Koffer vor einem Haus in München Bogenhausen aufstellt, um damit an die deportierten jüdischen Bewohner aufmerksam zu machen. Wenn er „deutsche Seife“ herstellt, im Bundestag verteilt und darauf hinweist, dass man damit „Wähler einseifen“ oder „Schaum schlagen“ könne. „Kunst“, sagt Wolfram Kastner, „Kunst, die nur die Gesellschaft unterhält, ihr aber nichts tut, geht mir auf den Geist.“

Dreck unterm Teppich

Getrieben wird der Künstler von einer stillen Wut, die vor allem dann aufflammt, wenn Kastner, um es bildlich auszudrücken, auf seinem Lebensweg stolpert. Als wäre ein Hubbel im Teppich. Und guckt er nach, sieht er, dass da Dreck drunter liegt. „Ich hab' erlebt, was in diesem Land unter den Teppich gekehrt wurde.“ Einfach den Dreck Dreck sein lassen, das kann Kastner nicht.

Er ist jedoch nicht der Schlingensief seiner Generation – und frönt dem Spaß an der Provokation. „Ich wäre froh“, sagt Kastner, „wenn ich nicht mehr schneiden müsste.“ Wenn der „Spuk“ einfach so vorbei wäre. Die orange Schere liegt auf dem Tisch.

Er sorgt sich, „dass das Entfernen einer Kranzschleife eine Straftat ist, aber nicht das Anbringen“. Er wundert sich, dass sich Salzburgs „Abteilung für Terrorismusbekämpfung für mich harmlosen Künstler interessiert – denen hat’s ja total die Optik verdreht!“ Nur, weil er etwas für ihn Selbstverständliches gemacht hat, „einen Akt der Hygiene gewissermaßen, wie Waschen und Zähneputzen“, wie ihm Elfriede Jelinek geschrieben hat. Und Kastner bringt den Vergleich: „Wenn an einer Hauswand der Aufruf zur Unzucht mit Kindern stünde, würde man den doch auch sofort wegmachen.“

Die Aktion ist für Wolfram Kastner längst „ein öffentlicher Dialog“ geworden. „Und der ist so lange nötig, bis gewisse Dinge sich geändert haben“. Auch wenn er es nie so nennen würde – aber seine Scherenschnitte haben inzwischen etwas von einem Kampf: Wenn er den Schauplatz betritt, die Gegner beäugt, einen unbeobachteten Moment sucht, in dem er zuschlagen kann. Die Gewohnheiten der anderen analysiert und weiß, dass sie ab 21 Uhr in „die Hölle“ gehen – das Gasthaus neben dem Friedhof.

So war es auch diesmal.

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