HeimatKlänge 2006: World Club | „Der Ball ist rund“ war gestern. Heute steht König Fußball nicht nur für sportlichen Wettkampf, sondern auch für kosmopolitische Begegnungen. Und das ganz besonders bei den HeimatKlängen. Die diesjährige Ausgabe des Open-Air-Festivals steht nämlich unter dem Motto „World Club“. Wer keine WM-Karten ergattert hat, zieht vom 9. Juni bis zum 9. Juli vor die dortige Großbildleinwand – bei täglich wechselnden Bands aus den FIFA-WM-Teilnehmernationen. Musik und Mannschaftssport – wer möchte das bestreiten – passen aufs beste zusammen. Entscheiden doch auf beiden Feldern solistisches Können und Teamgeist gleichermaßen über das Gelingen. Ab dem Viertelfinale werden Brass Bands für entsprechende Stadionstimmung sorgen. Und selbst für die Kleinen ist gesorgt: Sonntags lockt die Kids Corner mit einem Kinderprogramm. Zu vorgerückter Abendstunde darf man noch in der Kick’n’DJ Lounge weiterfeiern oder sich einfach nur über die bunt strahlende Skyline vom Potsdamer Platz freuen. Damit man solch einen langen Sommerabend unbeschadet überstehen kann, gibt’s auch reichlich Kulinarisches – aus aller Welt, versteht sich. Mit fünf Euro fürs Tagesticket ist man dabei. Und wer weiß, vielleicht trifft man ja sogar den netten Festivalbesucher, der einem ganz geduldig die Abseitsregel erklärt. RIX Kulturforum am Potsdamer Platz vom 9.6.-9.7.2006, Matthäikirchplatz, Berlin-Tiergarten Cibelle: The Shine Of Dried Electric Leaves | Es ist ein typisches Tom-Waits-Stück, das die junge Cibelle Cavalli an den Anfang ihres zweiten Albums gestellt hat: Langsam schlurft es voran, schwer – und sehr melancholisch. Doch über der Musik liegt die Stimme der Sängerin aus São Paolo. Verträumt, zärtlich und klar. Von einer „ätherischen Leichtigkeit“ beseelt sei ihr Debüt, wurde geschrieben. Doch diese Stimme – der man die Vorbilder Ella Fitzgerald, Björk oder Billie Holiday manchmal anmerkt – klingt kaum leicht im Sinne von unbeschwert: Sie trägt ein Geheimnis mit sich, Schwermut auch, die zum Bossa Nova gehört. Bossa Nova? Man kann sich trefflich darüber streiten, ob Cibelle eine Bossa-Nova-Sängerin ist. Zu avantgardistisch, zu verspielt, zu collagenartig ist auch The Shine Of Dried Electric Leaves geraten, als dass man sie in eine traditionelle Schublade stecken könnte. Die Modernität elektronischer Musik bildet einen effektvollen Kontrast zu Piano und akustischer Gitarre – es ist eine Schichtenmusik, ein raffiniertes Geflecht aus Rhythmen, Tönen, Klängen und Sprache, das in ständiger Veränderung begriffen ist. Die Kontrastierung von digitalen und analogen Klängen ist gewiss nicht neu. Doch selten klang die Pop-Avantgarde so steinzersetzend. MP CD, CRAMMED/INDIGO
Aus Liebe zum Volk | Das erste Bild des Films zeigt eine Überwachungskamera – der eine Fetisch der Stasileute. Der andere: die Akten. Die Werkzeuge des herrschenden Misstrauens. Major S. ist heute noch stolz auf sein System farblich unterschiedlicher Schnellhefter. Nie hat er seine IMs oder die von ihm Überwachten verwechselt oder einen Spitzelbericht suchen müssen. Das Buch des Majors, erschienen 1992, ist der eine Teil des Films von Eyal Sivan und Audrey Maurion. Axel Prahl liest aus dem Werk, das „Ausgedient. Nach Notizen eines Stasi-Offiziers“ heißt. Dazu stellen Sivan und Maurion Filmausschnitte aus Stasi- und anderen Archiven. Spitzel, deutlich erkennbar, und Spaziergänger auf Berlins Straßen. Ein Lehrfilm: Wie breche ich in eine Wohnung ein und durchsuche sie? Verhöre auf einem piefigen Sofa, Demonstranten, die eingekreist werden. Bilder und Ton ergänzen sich erschreckend gut; man könnte denken, der Mann, der sich beim Verhör lässig in den Sessel fläzt, sei der Offizier, dessen Texte man hört. Der sagt: „Wir wollten alles wissen, also mussten wir überall dabei sein.“ Und spricht von „Glück aufzwingen“ und „Terroristen bekämpfen“. Ein beklemmender Film über Macht und die unglaubliche Gedankenwelt der Rädchen der Macht. CVZ DVD, www.pifflmedien.de, 19,99€
Klaus Theweleit: Friendly Fire | „Schöner Titel!“ so leitet der Autor sein Vorwort ein, um dann den unschönen Sinn zu erklären. „Friendly fire“ ist die ironische Bezeichnung für das „Umgelegtwerden von den eigenen Leuten”. Spätestens seit dem Irak-Krieg wurde das Wort einer größeren Öffentlichkeit ein Begriff, als kanadische Soldaten von Amerikanern versehentlich getötet wurden. In einem Text über die Hintergründe solcher Vorfälle – Friendly Fire. Krieg auf Drogen wird die Rolle der Amphetamine behandelt, die Kampfpiloten zwangsweise einnehmen müssen, was zu Fehleinschätzungen führt. Dieses Buch mit „Deadline-Texten“– unter Zeitdruck für Zeitung, Radio, Vortrag oder in Interviews entstanden, versammelt nicht nur Gedanken über falsche Freunde. Theweleit selbst sieht den Band auch als eine Art Romanersatz, wenn von Reisen in die Kunst oder andere Wahrnehmungsweisen erzählt wird. Da wäre auf jeden Fall ein kleiner Bildungsroman zu finden, in Abriss meiner musikalischen Sozialisation, vom Mutterradio, das den ganzen Tag lief, über Wandertagssingen, AFN-Hören, die eigene Skiffle-Group bis zum Jazz. Ein Buch, das zum Weiterdenken über den Gegenstand hinaus anregt. Klix VERLAG STROEMFELD/ROTER STERN, 2005, 433 S., 19,80 € Ursula Heinzelmann: Erlebnis Essen | Endlich. Nach den WICHTIGEN Film-Dokumentationen über die globalisierte Lebensmittelindustrie (Darwins Alptraum, We feed the World), die einem – bei aller lobenswerten Aufklärung – ganz schön den Appetit verdorben haben, hupt Ursula Heinzelmann in die Lücke und zeigt, dass Essen nicht nur Nahrungsaufnahme sondern auch ein Erlebnis sein kann. Wenn man ihrem Vorschlag folgen und sich den Mitteln zum Leben systematisch (wieder) nähern mag. Das passiert erwartungsgemäß nicht beim Gang zum Lebensmitteldiscounter mit den eingeschweißten Billigprodukten. Heinzelmann geht den gleichen Weg wie die Filmemacher: Sie macht sich auf zu den Produzenten. – Die, und nur die, hat Vuk D. Karadzic sympathisch fotografiert: den Bäcker, Bauer, Fischer, Gärtner, Metzger und Koch, deren Frauen und Familien. Dort entdeckt die Autorin den Duft der Erdbeere und die Würze des Teltower Rübchens – den Reiz dessen, was in unserer Umgebung wächst und gedeiht. Informativ und unterhaltsam sind Warenkunde und sprachgeschichtliche Hintergründe. Praktisch: Händlerhinweise, ca. 75 überwiegend bodenständige Rezepte (Rhabarber zu gebratener Leber!) und professionelle Weinempfehlungen. PE SCHERZ VERLAG 2006, 224 S., 18,90 € Der gegrillte Mann. Erotische Mythen vom Amazonas | Gegrillte Männer stehen heutzutage nicht mehr auf dem Speiseplan der Amazonasindianer. In ihren Liedern und Mythen spielen sie aber nach wie vor eine Rolle, und das gegenseitige Fressen und Gefressenwerden vor lauter Liebe oder Eifersucht wird so bizarr, so rabiat fleischlich, aber zugleich magisch und unvergleichlich spielerisch erzählt, dass es eine wahre Freude ist. Exemplarisch ist das Titel gebende Koman-Lied: Da werden die Frauen eines Dorfes von der alten Katxuréu aus den Tiefen des Sees in einen wahren Tanz- und Singexzess getrieben, bis sie vergessen, wie die Zeit vergeht. Als sie Hunger bekommen, rät die Alte im Wasser zum Männermord. Ein einfaches Mittel in der Tat, mit dem auch das fröhliche Tanzen und Singen gesichert wäre. Der Ursprung der Mythen und die Kunst des Singens gehen also auf das Kultur begründende Ritual des Männerfressens zurück. Die Anthropologin Betty Mindlin hat in diesem Buch 70 Mythen von sechs Volksgruppen zusammengetragen, und das ist selbst schon eine Kultur begründend, denn die kleinste Sprechergemeinschaft besteht gerade einmal aus sechs Menschen. Es hat sich wirklich gelohnt, diese Lieder des Amazonas vor dem Vergessen zu bewahren. ZÄH HG.: B MINDLIN, ÜS.: N.V. SCHWEDER-SCHREINER, UNIONSVERLAG 2006, 350 S.,19,90 €
Fussballmagazine online | Welches Online-Fußball-Magazin eignet sich während der WM als persönliches Heimstadion fürs geklickte Infotainment? Fussballer, der Newcomer, stellt sich mit www.fussballer-magazin.de nur als Waschzettel für das gedruckte Heft dar – unbrauchbar. Rund, das ambitionierte und Layout-prämierte Journal unter den Fußballheften, enttäuscht unter www.rund-magazin.de mit dünner Verkaufe. Der Kicker ist mit www.kicker.de ein klassisches Opfer des Ausverkaufs an maßlose Bannerwerbung: Das Auge findet die Artikel kaum, die Navigation ist langwierig oder die Textausgabe endet im Buchstabengewimmel. Einzig Elf Freunde, das gut zwischen Sport- und Fan-Kultur positioniert ist, gefällt mit www.11freunde.de auch online: aufgeräumte Seitenaufteilung, ausgewogene Mischung aus Artikeln und Berichterstattung, Ergebnissen und Feuilleton, Texten und Multimedia, und das rege genutzte Forum gibt Lesern und Fans Raum. Schließlich quillt www.fuss-balldaten.de vor Ergebnissen über, vermag diese aber ordentlich und in aufschlussreicher Diagrammform zu präsentieren. Puristisch, aber gerade deshalb so gut. HEST www.wmticketsgewinnen.de | Wer jetzt noch keine WM-Karten hat, wird auch keine mehr bekommen, denkt man. Das ist falsch. Zwar sind die Kontingente allesamt längst vergriffen und die Schwarzmarktpreise unbezahlbar, aber eine kleine Chance gibt es unter der Website www.wmticketsgewinnen.de dennoch. Dort sammeln und verlinken zwei findige Studenten aus Berlin und Rostock, Friedmann Bartels und Jan-Philipp Mark, sämtliche Gewinnspiele großer Unternehmen und WM-Sponsoren, bei denen man noch Karten gewinnen kann. Ob Postbank oder Adidas – die Sponsoren und die die WM unterstützenden Firmen sind vom Weltverband Fifa großzügig mit Tickets bedacht worden. Und einen Teil davon geben sie zu Werbezwecken per Gewinnspiel wieder ab. Manche Unternehmen verlosen hunderte Karten, andere nur zwei. „Die Chance, dabei zu gewinnen, ist jedenfalls nicht geringer als die, die man hatte, als die Fifa selbst noch Karten anbot“, sagt Friedemann Bartels. Bis einschließlich 9. Juli sind theoretisch noch Tickets zu bekommen. MAS
Fanshop der Globalisierung und Glanz und Globalisierung | Die WM darf natürlich nicht fehlen, und in Dortmund wird ein sehr interessanter Blick auf das erdrunde Leder geboten. Im Fanshop der Globalisierung kann sich der Fußballfan ein auch für ihn verständliches Bild von der Globalisierung machen. Eigens von Designern gestaltete Trikots veranschaulichen etwa die Mechanismen von Wertschöpfung und Migration, Verflechtung, kultureller Identität und sozialer Teilung. Stets im Bezug zum Fußball, versteht sich. Anfang Mai wurde das Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung und des Berliner raumtaktik-Büros in Dortmund vorgestellt, jetzt tourt der Container durch weitere WM-Städte. Der Weg zur Phoenix-Halle lohnt dennoch, denn hier ist noch die Ausstellung Glanz und Globalisierung zu sehen. Künstler wie 0100101110101101.org aus Italien, Luther Blissett aus England oder das Bureau d’Etudes aus Frankreich haben sich mit demselben Themenkreis befasst und durch interessante Sichtweisen auf die wirtschaftlichen und kulturellen Wirkstoffe des Fußballs hingewiesen. SESCH HARTWARE MEDIENKUNSTVEREIN IN DER PHOENIX-HALLE DORTMUND, DORTMUND-HOERDE, HOCHOFENSTR./ECKE ROMBERGSTR., 5. MAI – 16. JULI 2006, MI 11–17 UHR, DO–SO 11–20 UHR Mercedes-Benz-Museum | Ben van Berkel hat es geschafft. Nicht nur in Rotterdam, wo seine Erasmusbrücke zu einem Wahrzeichen der Stadt, zu einem Identifikationssymbol ihrer Bewohner geworden ist. „De Zwaan“ – der Schwan – so nennen die Rotterdamer das Bauwerk. Und wie die Brücke strahlt auch das neue Mercedes-Benz-Museum eher Leichtigkeit und Eleganz aus, als solide Ingenieurkunst. Der 1957 in Utrecht geborene Berkel und sein Amsterdamer UN studio (United Net for Architecture and Urbanism) sind Architekten-Designer: Das zeigte Berkel zuerst in seiner architekturbegeisterten Heimat – und bald überall auf der Welt. Hans Dampf van Berkel – nebenbei ist der Star-Architekt auch Professor in Frankfurt am Main – hat seine Arbeit einmal mit der eines Dirigenten inmitten von Musikern verglichen. Ab dem 20. Mai ist auf dem Werksgelände in Stuttgart-Untertürkheim sein neues Mercedes-Museum zu bewundern. Ein geschwungener, silbrig glänzender Solitär – eine große Skulptur. Architektur-Kunst für 150 Millionen Euro, die den Geist Berkels imposant auf den Punkt bringt: „Es wird Zeit für die Architektur, mit der Kunst zu flirten.“ Im Inneren warten 160 Oldtimer auf geschätzte 750000 Besucher jährlich. PESCH TÄGLICH AUssER MONTAGS VON 9 BIS 18 UHR. EINTRITT 8 €, ERMÄssIGT 4 €, FÜR KINDER BIS 15 JAHRE GRATIS. WWW.MERCEDES-BENZ.COM
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||