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25.11.2005

Sie können gar nicht früh genug üben mit dem brenzligen Element, um nicht zum Zündler zu werden

Foto: STEFAN WAGNER



Feuerhüter

Es zischt und brennt

Der Berliner Pyrokünstler Kain Karawahn hat ein Konzept zur Feuererziehung entwickelt. Er plädiert dafür, es bereits im Vorschulalter anzuwenden und leistet in Kitas Pionierarbeit

von Jenny Mansch

„Mach hinne!“, kreischt Salman den gleichaltrigen Steven an, „hinne musste machen!“. Den beiden Fünfjährigen steht die Konzentration ins Gesicht geschrieben. Am dritten Tag des Kinderfeuer-Workshops in der Berliner Kita Traumzauberbaum sollen die Kleinen praktisch anwenden, was sie bisher gelernt haben: Sie sollen selbstständig mit einem Streichholz einen Brennwürfel entzünden, den Brennprozess beobachten und zum Schluss „wie ein Drache“ das kleine Feuer mit einem Schluck Wasser aus dem Glas wieder löschen.

Eine echte Leistung, wenn man die Angst bedenkt, die ein Vorschulkind dafür überwinden muss.Schließlich hat man ihnen bisher über das Thema Feuer meist nur vermittelt: Damit spielt man nicht, lass die Finger davon! Auch Lisas Furcht vor der winzigen Explosion eines Streichholzes war am ersten Tag einfach noch zu groß. Inzwischen aber streicht auch sie beherzt das Schwefelhölzchen über die Reibefläche.

Im Garten der Kita weht heute allerdings ein ordentlicher Wind, und es ist nicht leicht, das Streichholz überhaupt in Gang zu halten. Dabei wissen die Kinder genau, was zu tun ist. Alle Vorbereitungen haben sie gewissenhaft erledigt. Mit einem Stück Alufolie haben sie geprüft, aus welcher Richtung der Wind kommt und sich entsprechend als Windschutz hingesetzt. Für die feuerfeste Unterlage ist gesorgt, das Wasser zum Löschen steht bereit, die Ärmel sind hochgekrempelt. Wenn nur der olle Wind nicht dauernd drehen würde …

Gewusst wie

Feuerkompetenz nennt Kain Karawahn das, was er den Kitakindern an insgesamt fünf Vormittagen vermittelt. Erstmals fand ein solcher Workshop im letzten Jahr auf Initiative von VW in Wolfsburg statt. Man suchte Künstler, die Kindern unterschiedliche Themen nahe bringen, und stieß auf Karawahns Konzept zur Feuererziehung. Auf Anregung der Feuerwehr und nach Absprache mit den Eltern hat sich nun auch die Hohenschönhausener Kitaleiterin Ilona Döffinger vom Konzept überzeugen lassen. „Die Kinder bekommen schon früh Schwimmunterricht und Verkehrserziehung, aber den Umgang mit Feuer lernen sie nicht“, sagt Karawahn. Dabei zeigt schon der meist laienhafte Umgang der Erwachsenen mit dem brenzligen Element, dass man nicht früh genug mit dem Üben beginnen kann. Allein in Berlin rückt die Feuerwehr pro Tag fünfmal aus, um Wohnungsbrände zu löschen, pro Jahr sind an die 25 Brandtote zu beklagen.

Faszination Feuer

Denn jeder weiß, das Zündelverbot macht gerade scharf. Das Feuer rührt an archaische Kräfte im Menschen, die nur über Kultur, sprich Bildung gezähmt werden können. Daraus erst kann Sicherheit und verantwortliches Verhalten resultieren, so die These Kain Karawahns. Noch steht er mit seinem Praxisversuch auf einsamem Posten. Die örtlichen Feuerwehren sind naturgemäß auf das Einüben des Alarm-verhaltens geeicht. Sie beginnen mit der „Brandschutzerziehung“ erst in den Grundschulen, im Umgang mit Vier- bis Fünfjährigen stoßen sie an ihre Grenzen: „Die Notrufnummer 112 können die Kinder wählen, aber viele können in diesem Alter einfach noch nicht ihre vollständige Adresse auswendig ansagen“, erklärt Fachbereichsleiter André Plischek von der Branddirektion Nord. Aber man kann es trainieren; sowohl das Alarmverhalten, vor allem aber den sachgerechten Umgang mit Feuer und Flamme. „Da will ich es hinbringen“, bestätigt Karawahn. „Mit einer Einführung für die Pädagogen und ein paar einfach zu beschaffenden Materialien kann das in jeder Kita gemacht werden.“ Denn die Feuerwehr, die hier noch den Workshop mit einem Auge begleitet, kann das personell nicht lange leisten. Den Künstler und Autor Karawahn kennen sie bereits seit seinen spektakulären Feuer-Events in den 80er-Jahren und wissen, der Mann weiß was er tut und er kann es kindgerecht vermitteln. „Durch meine künstlerische Arbeit im öffentlichen Raum habe ich gemerkt, dass Feuer sich perfekt dazu eignet, Verantwortungsgefühl zu vermitteln“.

Autos explodieren nicht

Denn die Vermittlung eines gängigen Feuerbildes allein den Medien zu überlassen, kann tödlich sein. Sieht man im Fernsehen ein Auto brennen, fliegt es generell in die Luft. „Völliger Unsinn“, meint der Experte. „Autos explodieren nicht, sie brennen runter wie eine Petroleumlampe. Erst durch dieses fiktive, meist ausschließlich zerstörerische Feuerbild, das Fernsehen und Kino vermitteln, entsteht Chaos. Die Leute reagieren panisch und laufen weg.“

Das wird den Kindern aus der Berliner Kita so schnell nicht passieren. André Plischek ist zufrieden: „Diese Kinder werden später kaum dem kritischen Täterkreis angehören.“ Am Ende des einwöchigen Workshops sind sie weit gekommen: Vom ersten ängstlichen Anzünden eines Streichholzes bis zum Erstellen eines eigenen kleinen Lagerfeuers im Garten und dem Aufräumen haben sie alles selbstständig und sicher hinbekommen. Sie haben allein und sicher ihre Feuer vorbereitet, entzündet, kontrolliert und gelöscht: Sie sind zu kleinen Feuerhütern geworden.

Ein mit Kain Karawahn geplantes Symposium zum Thema Kind und Feuer im kommenden Jahr könnte dann auch die Initialzündung für eine weitergehende Auswertung und Forschung auf diesem Gebiet sein.

Alle Infos zu den Kinderfeuer-Workshops unter:
www.mitfeuerspielen.de
Oder unter Tel. 030/23004553.
Weitere Informationen zu Kain Karawahn:
www.ichbrenne.de
www.VolcanismInTheArts.de

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